Metapher des Monats

Das Märchen vom „Schenken“

Vor langer, langer Zeit lebten Leute auf dieser Erde in einem kleinen, abgeschiedenen Dorf. Sie waren gut, freundlich und grüßten jedermann. Man sah nur glückliche Gesichter. Immer stand Ihnen ein Lächeln im Gesicht.

Was die kleinen Leute am meisten liebten, war, einander warme, weiche Pelzchen zu schenken. Ein jeder trug über seiner Schulter einen Beutel und der war gefüllt mit solchen Pelzchen, um sie anderen zu schenken. Es sagte dem anderen jedes Mal: „ich mag Dich.“ Und wenn man Dir ein Pelzchen anbietet, und wenn Du spürst wie weich und warm es ist, dann ist es wundervoll und Du fühlst Dich anerkannt und geschätzt. So war das Leben dieser kleinen Leute glücklich und froh.

Außerhalb des Dorfes wohnte in einer dunklen Höhle ein großer grüner Kobold. Dem schien das Glück der Leute wenig zu gefallen und er hielt das Pelzchen-Schenken für Unsinn.

Eines Abends begegnete der Kobold einem kleinen Mann aus dem Dorf. Der lächelte ihm glücklich ins Gesicht und bot ihm ein Pelzchen an. Der Kobold aber schaute sich um, ob niemand zuhörte und flüsterte dann dem Mann ins Ohr: „hör mal, weißt Du denn nicht, dass wenn Du immer Pelzchen verschenkst und weggibst, Du am Ende selbst keine Pelzchen mehr hast?“ Der kleine Mann schaute den Kobold erschrocken an sein Lächeln verschwand und Furcht stand in seinem Gesicht. Der Kobold flüsterte weiter: „sei nur vorsichtig mit dem Verschenken, sonst hast Du am Schluss keine Pelzchen mehr. – Dass die Pelzchen nicht weniger wurden weil einer dem anderen schenkte, verschwieg der grüne Kobold aber.

Der kleine Mann ging betroffen seines Weges und dem ersten, dem er begegnete empfahl er auf seinen Pelzvorrat acht zu geben und ihn nicht durch schenken zu verlieren. Auch anderen Leuten die er traf erklärte er: „es tut mir sehr leid, aber ich kann Dir keine warmes, weiches Pelzchen geben. Ich muss aufpassen, dass sie mir nicht ausgehen.“

Am nächsten Tag hatte sich die Neuigkeit im ganzen Dorf verbreitet. Jedermann hatte plötzlich begonnen seine Pelzchen zu sparen und aufzuheben. Man verschenkte noch welche, aber, sehr vorsichtig und sehr selten. Die kleinen Leute begannen einander misstrauisch zu beobachten und sie verbargen ihre Pelzchen voreinander. Streitigkeiten brachen aus darüber, wer die meisten Pelzchen besitzt. Man verschenkte keine Pelzchen mehr. Sondern man tauschte sie gegen andere Sachen ein und die Leute zankten sich um den Wert ihres Tauschgutes. Jeder wollte so viele Pelzchen wie möglich haben um diese gewinnvoll tauschen zu können. Kurzum, das Leben der kleinen Leute veränderte sich. Ihr früheres Glück war dahin. Es kam sogar vor, dass einzelne kleine Leute krank wurden und starben.

Zuerst war der Kobold über seinen Erfolg zufrieden und rieb sich die Hände. Aber, wenn er jetzt in das Dorf kam wurde er nicht mehr freundlich begrüßt. Es strahlte ihm kein Lächeln mehr entgegen und niemand bot ihm ein warmes, weiches Pelzchen an. Stattdessen wurde er von allen Leuten misstrauisch beäugt. Das Glück war aus dem Dorf und dem Leben der Menschen verschwunden. Alles war grau und kalt. Da sagte der Kobold zu sich selbst: „ich habe den Leuten ihr Glück genommen und dabei wollte ich ihnen doch nur zeigen wie die Welt wirklich ist.“

Einige der Leute begannen nach und nach wieder damit einander warme, weiche Pelzchen zu schenken. Und jedes Mal machte es den Schenkenden und den Beschenkten glücklich. Vielleicht war es deshalb umso schöner und wichtiger ein warmes, weiches Pelzchen zu bekommen, je mehr Kälte und Herzlosigkeit ringsum waren. Das Schenken von Pelzchen aber wurde in dem kleinen Dorf nie wieder bei allen Leuten Mode. Denn nur wenige erkannten, dass sie weiterschenken können ohne dabei ihre Vorräte zu verlieren.

Wenn Du aufhörst zu schenken,
hörst Du auf zu lieben.
Wenn Du aufhörst zu lieben,
hörst Du auf zu wachsen.
Wenn Du aufhörst zu wachsen,
hörst Du auf Dich zu vollenden…

Michel Quoist

Darum Schenke